Demut und Würde
„Das Wichtigste im Leben und in der Arbeit ist,
etwas zu werden,
das man am Anfang nicht war.“ Michel Foucault


Eine Geschichte zur Ausstellung „Schattenseiten und Flugversuche“ von Ramacher & Einfalt schreiben zu dürfen ist ein besonderes Unterfangen. Denn; wenn ein Bild mehr sagt als tausend Worte und ich mich der Schrift bediene, benötige ich die Kraft der Narration  um diesen beiden auratischen  Archetypen einen rhizomatischen  Ausdruck für deren Elysium zu verleihen. Für diese beiden Künstler, deren Kongenialität unter anderem darin liegt, fast mit einer Seele zu sprechen.

der junge Wilde

Ihre Geschichten spielen mit der Designifikation und Resignifikation des männlichen Seins und eröffnen die promethische Mythologie zur Soziologie des Seins für die „Postapokalyptische Reise" (PAR)“ der beiden Künstler. Wer aber ist der Protagonist dieser Geschichte? Der Franziskanerpater Rohr sagte einmal über das Phänomen Mann: „Ein Junge der nicht weinen kann ist ein Wilder; aber ein alter Mann der nicht über sich selbst lachen kann, ist ein Narr.“
Über diesen Prozess, wie aus einem Jungen ein weiser und nicht nur alter Mann wird, werde ich nun an Hand der Werke von R&E schreiben um ihnen die Kraft der Ästhetik dieser beiden auratischen Archetypen näherzubringen. Jenen nenne ich die „Abschmelzung des Egos“, welcher mittels der Kraft der Stille oder Dankbarkeit bei R&E mit dem Boot befahren wird. Über die Dankbarkeit sagte Cicero, „sie sei nicht nur die größte aller Tugenden, sondern die Mutter von allen.“
Männer bedürfen, um ihr Herz zur Selbstlosigkeit hin zu öffnen, um weise zu werden, der femininen Hand von Milch und Honig. Sie müssen bewußt den Weg der sieben Samurai verlassen, um ins Tal der Dankbarkeit durch das Fluidum der Tränen hinabsteigen zu können, und sich selbst ein zweitesmal - eben nach der „Abschmelzung des Egos“ - gebären.
So gelangt er zurück zur eigenen Quelle mittels der Kraft des Wassers, in dem sie durch das Meer der Ästhetik eskimotieren. Der Prozess, von der ersten Naivität, der verletzten infantilen Kindheit, führt insbesonders über das Wiederfinden der blühenden Kindheit, in die zweite Naivität, zum heiligen Narren.
Dieser mystische Weg, wider dem Peter-Pan-Syndrom , ist für den Mann mit dem Schmerz des Loslassens verbunden. Die Stufen beginnen einerseits mit der Aufgabe von Selbsttäuschung, sowie den Selbstobjektbeziehungen, führen über die Selbstkongruenz nach Schurian und der Selbstbetroffenheit von Schülein, bis hin zur Selbstheit und Selbstoffenbarung. Andererseits beginnen sie beim Nasziturus, führen über den Naseweis und Narziss  zum weisen Mann, zum alten Narr, wie es Einfalt im Bild „Im Sog der Unendichkeit“ und Ramacher mit der Trope "Luftschiff", als logische Verdrehung der Elemente eines Zeichens - dem Signifikant und Signifikat  - aufzeigt.  

die Linie des Neumondes

Um den holistischen Blickraum auszuspähen, bedarf es insbesonders des Blickes der Frau. Sie antizipiert, im Gegensatz zum Mann, durch ihre Kraft der Sinnlichkeit, die Apparition per se. Es bedarf der narrativen Kraft eines Pablo Neruda dem  Leser die Optionen des Beckens zu eröffnen. Er detoniert ihren Anblick und konnotiert das feminine Gesäß zur Linie des Neumondes.
Sie, die Psyche, als jüngste und schönste von drei schönen Königstöchtern erlöst die Menschenseele mittels Eros, dem Gott der Liebe. Welcher Götter und Menschen bezwingt und ihnen den Verstand raubt. Beginnend mit der Menstruation, wiederkehrend im medonischen Sinn, mäandriert der Lauf des Seins von der Lust an der Befruchtung durch die Fähigkeit der Wandlung zum Schmerz der Geburt - vom Nichts über das Werden zum Mensch-Sein.
Der Mann bedarf des Mann-Seins, respektive des Mensch-Seins, jedoch der Transmutation durch die Hand der Frau. Sie führt ihn an der Hand zum Gestade des Seins - siehe dazu die Bilder „Pforten der Wahrnehmung“  und „Wolkenfänger Phase 1 und 2“ - greift ihm als präkopulative Handlung in die Gonaden, umschlingt ihn mit der Innenseite der Linie des Neumondes und streichelt ihm als postkopulative Handlung über das Haupt und spricht die Essenz des maskulinen Seins: “Gut hast du’s gemacht; mein Junge“.
Erst dieses „mein Junge“ eröffnet dem Mann die offene Weite und offene Tiefe, also den Spannungsbogen mit Uranos, dem Sternenhimmel und Tartaros der Unterwelt - siehe dazu „Horror vacui – Phase 1, 2, 3" - von Habgier und Haß beginnend, zu Okeanos dem Stromgott und Nereus dem Meeresgott. So kreieren, produzieren und provozieren R&E mittels ihrer Kongenialität und konstruktiven Interferenz - Wellen die einander positiv verstärken - Werke zur transzendentalen Apperzeption der Betrachtung des Werdens, und evozieren beim individuellen Betrachter die Propriozeption von „Demut und Würde“. Sie beherrschen ihr Handwerk, keine Frage, aber der schöpferische Akt beginnt erst dort, wo sie die Gesetze deformieren und mißachten, wo einem bei der Erspürung der Atem versagt. Ihr Talent ist ihnen nicht Quell des Stolzes, sondern des Betrachters Quell der Tränen.
Um der ikonografischen Vielfältigkeit von R&E ein Gespür für Welle, Wandlung und schließlich Transmutation zu verleihen - siehe dazu „Die Mutation I“ - knüpfe ich den - nach Foucault  gerissenen - Faden der Ariadne aus den Items Kraft der Stille, Kraft der Ästhetik und Kraft des Wassers neu, um Sie, den Betrachter, durch das Elysium von R&E, wo die Allolalie versagt, mit der Kraft der Klarheit und Irradation als Euphonie zur Antipode von Vernunft und Verstand als Kakophonie, zu führen.

die Kommunion

Die Geschichte liegt inmitten und als Transmitter zwischen der Vorderseite des Katalogs, wo sich R&E zueinander, wie in einer Stichomythie - der schnelle Austausch kurzer Reden - im dialogischen Prinzip nach Martin Buber und David Bohm begegnen und der Rückseite, wo sie sich des Monds gewahr werden. Vom griechischen dialogos stammt das Wort „Dialog“ ab. Dia heißt „durch“, wie bei einem Dia oder einer Diagonale; unter Logos versteht man „das Wort“ oder auch „Wortbedeutung“, „Wortsinn“.
Sie fokussieren auf das Präfix „Ver“ aus dem Wort Verbindung und kommunizieren das Wesentliche von Kommunikation, etwas gemeinsam machen oder einander mitteilen; dass ein „Geist“ vorhanden ist. So wie er noch in den Wörtern Kampfgeist oder Zeitgeist präsent ist. Dieses kommunizieren der Essenz des Wesentlichen, das „So“ ist das Einzigartige von großen Künstlern, darunter versteht Hegel den ubiquitären „Weltgeist“.
Dadurch beginnt etwas zu fließen, etwas Kreatives lässt sich erahnen, ein Momentum entsteht und ermöglicht dem Individuum oder einer Gruppe eine neue Sichtweise, Gespür und Gemein-Sinn. Von der Perzeption über eine neue Apperzeption, bis hin zum mächtigsten; einer neuen transzendentalen Apperzeption. Diese ist die Ingredienz der Opazität der neuen Geschichte.
Sie ist weniger und kleiner als ein Argument, sie entspricht dem Arndt-Schulzschen Gesetz der Homöopathie, wonach schwache Reize Lebenstätigkeit in Gang bringen, mittlere fördern, starke hemmen und sehr starke heben sie sogar auf. Ihre Werke reihen sich in dieses großes Gesetz ein und bringen prononciert das Kunstwerk zustande unsere Lebenstätigkeit als Betrachter in Gang zu bringen bzw. zu fördern. Dazu müssen wir uns der Qualität der inneren Stille und der Würde des Seins überantworten, um an der Größe partizipieren zu können. Das dazugehörige und innewohnende Band eines Dialogs, wie ihn R&E mit uns führen heißt Mythologie, abgeleitet vom griechischen „Mythos“ und bedeutet ebenso „Wort“.
Der mythologische Prozess des sinnlichen Austauschs wird von R&E mit dem femininen Erdtrabant Mond  konnotiert, und gestattet uns, den Mond uns als stillen Beobachter anzubieten, um daraus etwas Neues, der „Selbstbewusstwerdung des Absoluten“ im Sinne Hegels Spürraum zu geben; jeder Tag wird zu Beginn jedes Morgens, nach der Realität des Nacht(t)raums, im Tag(t)raum der Surrealität des Lebens erschaffen. Dieser Prozess fließt im Bachbett der Tränen - aufgewühlt vom Dreizack des Poseidon - von der Trinität über das Tryptichon zur Dialektik des „So“.

die Re-flexion des Selbst

Das Thema des menschlichen Dialogs und der Selbstreflexion wird von R&E kongenial in ihren beiden Arbeiten - „The Right View“ 2003 Bronze Römertherme Baden - und - dem Brunnenobjekt „a smile“ 2004 - umgesetzt. Das bildhauerische Objekt besteht, wenn wir es genauer betrachten, eigentlich aus dem Weggehauenen und nicht aus dem Betrachteten, sondern aus dem Nichts. Der Differenz zwischen dem Absoluten und dem Jetzt. Zur großen Kunst gerät es, wenn es zur „Selbstbewusstwerdung des Absoluten“ beiträgt.
Ramacher als Bildhauer lotet hier mit seinen Flugschiffen, Flugobjekten I, II und Totenschiff die offene Weite der offenen Tiefe aus. Er entscheidet sich sodann zuerst im Geist, sodann im tätigen Akt mittels seiner künstlerischen Kraft um uns aus dem Nichts nicht nur neues Sein, sondern das So zu gebären. Nicht nur mittels Schein auf das Sein zu verweisen, sondern mittels der Wahrheit auf die Wahrhaftigkeit per se. Besonders hier liegt die Parallele zur „Selbstbewusstwerdung des Absoluten“.  
Um zur ersten Träne zu gelangen, den Einstieg in den Flußlauf zu erwischen - im Sinne: „Das Ziel ist der Weg“ - bedarf es des ersten und alles entscheidenden Gedankens; nämlich das Zulassen eines Perspektivenwechsels - vom Kontingent der Moderne zu „Kontingenz, Ironie und Solidarität“ von Rorty in der Postmoderne. Die Essenz dieses Einstiegs in die ontologischen Phänomenologie nach Sartre, gebietet ein sotto voce - ein gemächliches Spiel, m.a.W. „Die Kunst des Müßiggangs“ nach Hesse.
Bei genauerem hinsehen, hinhören und hinspüren verstehe ich unter der Re-flexion des Selbst, die Wieder-Beugung des Selbst. Aber von woher und wohin? Von einer eher starr geronnenen Haltung, hin zu einer flüssigeren Bewegung, um in den Hör- und Spürraum der Stille einzutreten, um unseren Eindruck der Wahrnehmung von R&E wahr-zu-nehmen, wo es dem Selbst gelingt der Kraft des Wassers Weichheit und Anmut zu verleihen, selbst ein Quell der Liebe zu werden, also sich selbst zu offenbaren oder eine Selbstoffenbarung zu generieren.
Sie visualisieren, formieren und formulieren die Essenz von Kommunikation der conditio humana zur Kommunion mittels Gestalt und Sinnlichkeit, um das Präfix „Ver“ aus der Verbindung des geteilt Sinns als Mythologem der "PAR" darzustellen. Der Situationist Vaneigem präzisiert das „Ver“ folgendermaßen: „Nichts ist wichtiger als das Entstehen der Liebe, es sei denn deren tägliches Wiedererstehen. Das wahre Leben fängt in dem Augenblick an, da dem Kind die Liebe bedingungslos zuteil wird. Hier behauptet sich die Unvergänglichkeit des Lebenden. Sie bleibt unauflöslich gegenwärtig und gehört einer unwandelbaren Wirklichkeit des Herzens an, so wie der Saft im ewigen Rhythmus der Jahreszeiten den Baum belebt.“

Im Zen bedeutet Gestalt und Unterschied sich im Sein zu befinden. Gestaltlosigkeit und Leere bedeutet sich im Nichts zu befinden. Wo das Sein und das Nichts untrennbar wird, befindet sich das So. Zenmeister Kodo-Sawaki formuliert den Gedanken knapp: „Was weder Sein noch Nichts ist, ‚ist wie es ist’.“

Das Spannungsfeld ihrer Arbeiten liegt weniger in der Kombinatorik als in der Symbiose der antizipativen Apparition der Unendlichkeit des Seins, wie ich es am Beispiel der Frau weiter oben bereits verdeutlichte. Nicht der Berg ist das Ewige, sondern der Lauf des Flusses, das ewig Fließende, das Weibliche, das Yin, als Antipode zum Hinderniss des Steins, des Yang, im Lauf des Flusses. In einer chinesischen Weisheit heiß es folgendermaßen: “Der Mensch ist der Sohn des Hindernisses.“

Bei der Betrachtung ihrer Werke als Objekte geht es daher weniger um eine neue Erfahrung, sondern um etwas anseres Bild in der Kulturgeschichte: Um die Quantenkommunikation von Subjekt und Objekt. Kunst generiert eine Berührtheit, eine Betroffenheit im Auge des Rezipienten, nicht für den Augenblick und nicht aus einem Blickwinkel; sondern ihre Kunst evoziert eine Vereinigung von Objekt und Subjekt im Geist des Universellen. R&E führen uns durch ihr Werk in das Reich des Universellen, zum Zeugungsakt der „Selbstbewusstwerdung des Absoluten“.

In der modernen Quantenphysik, begündet von Max Planck zu Beginn des 20. Jahr¬hunderts, wird diese Sichtweise von Zeilinger dergestalt beschrieben, „dass nicht nur Licht Wellencharakter besäße, sondern auch alle massiven Teilchen eine derartige Wellennatur hätten.“  

Der Medientheoretiker McLuhan äussert sich folgendermaßen: „Denn der Kubismus gibt Innen und Außen, Oben, Unten, Hinten, Vorne und alles übrige in zwei Dimensionen wieder und lässt damit die Illusion der Perspektive zugunsten eines unmittelbaren sinnlichen Erfassens des Ganzen fallen. Mit diesem Griff nach dem unmittelbaren, totalen Erfassen verkündete der Kubismus plötzlich, dass das Medium die Botschaft ist. Ist es nicht klar, daß im selben Augenblick, in dem das Aufeinanderfolgen der Gleichzeitigkeit weicht, wir uns in der Welt der Struktur und Gestalt befinden? Ist nicht gerade das in der Physik wie in der Malerei, Dichtung und auf dem Gebiete der Kommunikation eingetreten? Die Aufmerksamkeit gilt nicht mehr speziellen Teilaspekten, sondern wendet sich der Gesamtwirklichkeit zu, und wir können jetzt ganz natürlich sagen‚ das Medium ist die Botschaft’.“

So knüpfe ich den Faden der Ariadne weiter, um tiefer ins Gewebe eindringen. Für meine Einladung greift die klassische Definition von Kommunikation bei weitem zu kurz und verbleibt eindeutig an der Oberfläche des Wassers. Sie erhellt noch nicht das auratische Potential dieser Archetypen der weinenden Seele, welche das Medium darstellt zur Reinigung der Pforten der Wahrnehmung, zu einer neuen Stufe; der Ebene der Transmutation.

Daher lade ich ein den Kommunikationstheoretiker Niklas Luhmann weiterzuspüren, wenn er schreibt: „Eine Kommunikation teilt die Welt nicht mit, sie teilt sie ein. Wie jede Operation, wie auch eine solche des Lebensvollzugs oder des Denkens, bewirkt die Kommunikation eine Zäsur. Sie sagt was sie sagt; sie sagt nicht, was sie nicht sagt. Sie differenziert.“  Um die Differenzierung, die Teilung in das Nichts oder das Sein aufzuheben - sein Hauptwerk heißt „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ - und in die rhizomatische Welle - nach Deleuze/Guattari - hineinzusurfen, spreche ich als dialektische Synthese vom „Gefühl des Gefühls“. Auf dieser entwickelten, ausgerollten und speziell beschichteten Hintergrundfolie wird erst das Zitat des Quantenphysikers Niels Bohr verständlich: „Das Gegenteil einer jeden Wahrheit ist falsch, jedoch ist das Gegenteil einer tiefen Wahrheit wieder eine tiefe Wahrheit.“

das „soziologische Auge“

Die Kunst bedarf der Beachtung zur Schulung des „soziologischen Auges“. Sie ist die einzige Entität die sich der Affinität der menschlichen Angst vor dem Nichts, welche im profanen durch den Fetischcharakter der Ware gefüllt wird, entziehen kann. War zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Frage nach der Verortung der Seele und die Befreiung des Selbst ein Anliegen von wenigen Aufklärern, so widmen sich im 21. Jahrhundert bedeutsam mehr Menschen, insbesonders Frauen, dem Thema der Erforschung und Liebe des Selbst.
Sie wandern der Frage des verlorenen Ichs nach, in einer Gesellschaft der Ich-AGs und verlieren und verlieben sich in den psychoedelischen Angeboten des freien und liberalen Marktes. Normen, Regeln und Wahrheiten zerfallen in der Postmoderne so schnell wie zu Beginn der Aufklärung und kein geistiges Geländer ist weit und breit in Sicht, dass mehrheitlich akzeptiert eine Prothese im mühevollen Prozess des Schmerzes des Wandels abgeben könnte.
Den Wurf den R&E zur Beschreibung der Zukunft anbieten, ist nicht gerade ein kleiner und deshalb insbesonders mit Obsession zu beschreiben. Im Zeitgeist des Veränderlichen und alles Veränderbaren ist die Kommunikabilität des Wahrgenommenen im Sinne „Welches Medium kann man eigentlich noch für eine Botschaft gewinnen?“ von entscheidender und tragischer, gewürzt mit ironischer Bedeutung.
Im Endeffekt ist nur das Individuum Sender und Empfänger von emotionalen Botschaften. Es fällt in die Aufgabe der Kunst der Selbstentfremdung des einerseits mit Nebensächlichkeiten und Ablenkungen übersättigten Selbst und andererseits nach Sinn dürstenden und hungernden Selbst, also nach Kongruenz lefzenden Selbst, einen Spiegel oder Fratze hinzuhalten. Dort wo das „als ob“ zugunsten des „so seins“ aufgegeben wird, „wo weder Sein noch Nichts ist“, entsteht Authentizität oder die Dichte einer Person. Erst mit einer „dichten Beschreibung“ nach Geertz - bei der „die komplexen, oft übereinandergelagerten und ineinander verwobenen Vorstellungsstrukturen“ herausgearbeitet werden, im Gegensatz zu einer „dünnen Beschreibung“ - „die sich auf das Sammeln von Daten beschränkt“, wird das Verstehen und ein Zugang zur Gedankenwelt ermöglicht.
Nun ist es bereits ein leichtes den neu gesponnen Faden der Ariadne, aus Bewegung, skulpturale Struktur und dem „so sein“ zusammenspüren, damit der Tod, ebenso wie das Leben im Sinne Cohens ein „it’s only passing through“ wird.
Memento Mori!

Der neue Stand des Bürgertums benötigt in der Moderne eine Definition des Selbst, einen Gegenpol, um sich aus der Autorität des Adels zu lösen, welcher von Augustinus vorbereitet und durch die Antagonisten Descartes und Montaigne präzisiert wurde. In der Postmoderne bedarf es der Selbstbegründungsthese, die von Habgier und Haß geprägt ist und in die Umweltkatastrophe führt. R&E bieten dem ikonografischen Selbst der Postmoderne, beträumt durch die Ikonomanie des Fernsehens, den Spiegel der ikonografischen Vielfältigkeit bis hin zu „Clownerie und Todesangst“ - im Sinne Becketts Lessness - den Werkzyklus der „PAR“ an.
Descartes denkt den Weg nach innen nicht mehr als ersten Schritt - wie Augustinus - auf dem Weg nach oben, sondern für ihn „liegt der ganze Sinn der reflexiven Wende darin, daß es gelingt, völlig unabhängige Gewißheit zu erreichen“. Während das cartesische Subjekt die individuelle Erfahrung objektiviert, versucht Montaigne den Weg der Aufklärung - „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ - mit Selbstentdeckung durch Selbsterkenntnis zu gehen. „Jeder einzelne von uns verwirklicht sich einfach selbst durch sich selbst zu sich selbst,“ heißt es bei Meister Kodo Sawaki über „Zazen“. Siehe dazu die Bilder „Die große Seelenwanderung“ und "Danse macabre – Phase 2".
Jede Welle, Wandlung und Transmutation ist durch die Dauer, statt der Zeit und durch den Leib, statt des Körpers, um die menschliche statt der physikalischen Dimension einzuführen, erleb- und erspürbar. Jeder Anfang bedarf des Geistes. Jedes Ende eines Schlussakkords, der uns harmonisch den Klangbogen ins Schweigen trägt. Siehe dazu die „Flugobjekte I, II“. Wie speisen wir Leichtgläubigen die Stille des Schweigens, welche niemals Leere ist? Weshalb gestaltet es sich oft schwieriger eine Verbindung aufzulösen und erfordert das gleiche Fluidum wie die Freude als eine Verbindung eingegangen wurde - nämlich der Tränen? Sie erst waschen die Wunden rein, damit das Herz neu erblühen kann.
R&E nehmen sich der verpönten und verschmähten Themen „Schweigen“ und „Tod“ in der postmodernen Kunst sehr bewußt epochal in ihrem Werkzyklus der „PAR“, siehe dazu das „Totenschiff“ an. Denn nur das Schweigen hat keinen Anfang und kein Ende. Es all-einig überwindet den Tod. Es ist. Insbesonders dieser Werkzyklus überwindet durch sein sprechendes Schweigen die Grenze des Sagbaren. Es vermittelt als auratisches Werk Seele und der Verfasser dieser Zeilen gießt den Geist in Lettern.
Auf der einen Seite versucht der postmoderne Mensch ein Individuum zu sein, ein flexibles, veränderliches, und insbesonders selbstbewußt strukturiertes Subjekt, welches aber einer Eigenzeitlichkeit und vor allem Endlichkeit unterliegt, auf der anderen Seite reinkarniert dieses Subjekt als Objekt im Akkumulationsprozeß die permanente Reproduktion der Unendlichkeit des Fetischcharakters der Ware, und erlebt so das Prudendum der Einzigartig- und Al-leinigkeit.
Die All-einigkeit lässt sich insbesonders durch das „Ver“ aus der Verbindung von R&E, wo wir mit allem eins und einig sind erspüren, um es in die eigene Erfahrung mit zunehmen und vor allem umzusetzen. Öffnen wir dem Herzen sub rosa das Arkanum Brüderlichkeit, so ermöglicht es uns die Leichtigkeit der Aseität zu ertragen. Während Wladimir und Estragon in Becketts Stück „En attendant Godot“ bereits das Warten als Spiel akzeptieren, entwirft der Perzeptionist noch Ziele und läuft ihnen mit Benchmarks hinterher.
Ist die Essenz der Geschichte der Moderne die Abstraktion, so ist die Essenz der Geschichte der Postmoderne die Multiplikation. In der „PAR“ ist die Essenz der Geschichte die Substraktion. War in der Vormoderne die Sexualität verpönt und der Tod war ein Teil des Lebens, ist in der Postmoderne der Sex cold und das Sterben ein Prudendum, so bedarf es R&E sich an das Gefühl des Ewigen zu schmiegen, dass soziale und leibliche Wärme lebensnotwendiger sind als Sinn.
Dieser neu geknüpfte Faden der Ariadne, aus den Items Kraft der Stille oder Dankbarkeit, Kraft der Ästhetik oder Kraft des Wassers trägt uns mit der Leichtigkeit des Kanus über den Acheron. Wenn wir geübt sind in der Tugend der Dankbarkeit, durch das Meer der Ästhetik eskimotiert und an unserer Quelle der Selbstheit angelangt sind, dann wird uns der Fährmann Charon, statt einem halb verfaulten Binsenboot ein rotgoldenes Kanu anbieten, um unsere Seele über den Acheron, statt ins Totenreich ins paradiesische Elysion zu bringen, wenn es der Totenrichter Minos gut mit uns meint. Wir weisen die Brüderlichkeit des Herzens - welche eine sinnliche Körpererfahrung und keine Abstraktion darstellt - als Obolus wie Aineias den goldenen Zweig vor und lassen getrost den Trunk des Vergessens aus der Lethequelle hinter uns. Aber vielleicht ist bei R&E das Erreichen des paradiesischen Elysion gar nicht so wichtig, aber der mögliche Weg, das ständige Schaukeln des Binsenbootes das Wesentliche?

zeninteligence f. ramskogler 2004